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Freitag, 17. April 2015

Schabowski - Schlitzohr oder Stümper?

Der Stichwortzettel, der historische Tore öffnete

Um besser (?) lesen zu können,
bitte anklicken.
Dieser Tage tauchte der Zettel wieder auf, mit dem sich Günter Schabowski auf die Pressekonferenz seiner Laufbahn vorbereitet hatte. Er ist auch ein besonderes Prachtstück für die Geschichte der Rhetorik, für die es bezogen auf die DDR, bisher nicht so viel Interessantes zu berichten gab.

Rhetorik war damals nicht besonders gut angeschrieben. Walter Ulbricht´s im Diskant gesprochenes "Keiner will eine Mauer aufbauen." oder Honecker´s Zungenbrecher "Ssoschalistsches Vaterland"  klingen mir noch heute in den Ohren. Auch Schabowski war nicht der große Redner. Aber in der Pressekonferenz vom 09. November 1989 brach er alle Rekorde. Manchem ahnungslosen Zuschauer der "Aktuellen Kamera" wird es wohl gar nicht sofort bewusst geworden sein. Diese Überraschung war doch zu überraschend.

Das ZK-Mitglied präsentierte damals die neuen Reisebestimmungen für DDR-Bürger: "Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftverhältnisse beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Ständige Ausreisen können über alle Grenzstationen der DDR in die BRD erfolgen."

Und nach Anfrage eines Journalisten stotterte er etwas hilflos:"Das ist nach meiner Kenntnis ... sofort, ... unverzüglich."

So hatte sich die SED-Führung das sicher nicht vorgestellt. Diese Reisen sollten wohl nur unter bestimmten Auflagen und auch erst vom nächsten Tag an beantragt werden können. War das Schabowski entgangen? Oder war es klares Kalkül? Immerhin initiierte er noch in dieser Nacht damit den Mauerfall?

Die Frage für das Rhetorik-Seminar: Redemanuskript oder Stichwortzettel - was ist zweckmäßiger? Antwort: Das kommt natürlich auf den Redner und die Situation an. Manchem nützt keines von beiden. Aber Schabowski, der sich sozusagen verzettelt hat, ist damit nachweislich als begeisternd schlechter Redner in die Geschichte eingegangen.

G. Dietmar Rode
Blogger und Rhetorik-Dozent

Sonntag, 24. November 2013

Frechheit oder Verhinderung?

Nachträgliche Frage eines Delegierten

Auf dem 10.Landesparteitag der sächsischen LINKEN ging es  stellenweise kritisch zu, mitunter offen, mitunter verdeckt. Das ist insgesamt normal so. Wer kritikfähig ist, dem tut Kritik häufig auch gut. Unter anderem äußerte sich, schon fast am Schluss der Debatte, Holger Lüdtke aus Borna,  er würde es als Frechheit ansehen, dass Rico Gebhard nur 64,4% der Delegiertenstimmen erhielt, es aber keinen Gegenkandidaten gegeben hatte. Auch ich sehe das als bedauerlich an. Ob das allerdings pauschal als „Frechheit“ bezeichnet werden muss, stelle ich in Zweifel. So weit, so gut.

Nun fiel mir, während einer ungewollten Wartepause, die Chemnitzer „Freie Presse“ vom 18.11.2013 in die Hand.  Und da las ich doch auf Seite 4 (Linke will „rotes Wunder“ in Sachsen): „Er [Rico Gebhardt] hatte keinen Gegenkandidaten. Ein entsprechender Antrag war zurückgezogen worden, hieß es zuerst, tatsächlich war er in einem Stapel von Änderungsanträgen zu Strategiepapieren verschollen.“

Starkes Stück! Nun soll man nicht alles für bare Münze nehmen, was in der Presse so geschrieben und gedrückt wird. Aber in Fällen der Falschdarstellung ist es üblich, eine Gegendarstellung einzufordern. Die hat dann zwar im Nachhinein nicht mehr die allergrößte Wirkung, zeigt aber an, dass man die Angelegenheit anders als dargestellt sehen und verstehen sollte. 

Offen bleibt: Gab es irgendwo eine Gegendarstellung? Und wenn nicht, stimmt es gar, was da behauptet wurde? Antwort könnte uns vielleicht der eventuell  „verhinderte Kandidat“ geben. Deshalb: Lieber Verhinderter, liebe Verhinderte, melde Dich bitte, wenn es Dich gibt! Diskrete Behandlung wird auf Wunsch natürlich respektiert. Als Delegierter ist man manchmal noch hinterher neugierig…

Dr. G. Dietmar Rode
Radebeul

Montag, 3. September 2012

Das ist eine peinliche Posse


Leserbrief 
von Claus Müller, Riesa
Montag, 3. September 2012 
Sächsische Zeitung

Zum Beitrag „Die Abwahl von Markus Mütsch ist ungültig“ schreibt Claus Müller:

In der DDR war Riesa republikweit bekannt als eine leistungsstarke Industriestadt mit einer Oberliga-Fußballmannschaft.

Später, in der Bundesrepublik angekommen, wurde es bekannt als Sportstadt, Stadt, die Herrn Köhler rausgeekelt haben soll und Stadt mit dem Finanzbürgermeister Mütsch als Zocker. Also immer in den Schlagzeilen, positiv oder nicht. Jetzt erhält sie noch Bekanntheit als Stadt, die nicht in der Lage ist, eine außerordentliche Stadtratssitzung vorzubereiten.

Seit Jahren steht Herr Mütsch wegen seiner dubiosen Finanzgeschäfte bundesweit im Blickfeld der Medien. Auch im Stadtrat und in der Stadt werden mahnende Stimmen laut, dass man so nicht mit den Geldern der Bürger umgehen kann. Von der Fraktion der Partei, in welcher Herr Mütsch Mitglied ist, wird das aber als nicht so problematisch empfunden und mit deren Stimmenmehrheit im Stadtrat sanktioniert.

Als das Kind aber schon im Brunnen liegt und mit dem Ertrinken kämpft, kommt man auch in der CDU-Fraktion endlich zu der Erkenntnis, dass es mit dem Finanzbürgermeister so nicht weitergehen kann. Mehrheitlich beschlossen, soll Herr Mütsch in einer außerordentlichen Stadtratssitzung abgewählt werden, was so auch am 29. 8. geschieht. Nun aber stellt sich heraus, dass die Abwahl ein schlechter Scherz war, weil die Sitzung hierzu nicht formgerecht vorbereitet wurde. Es war also alles nur eine Posse. Ich bin bestimmt nicht der einzige Riesaer, dem das mächtig anstinkt oder gelinde ausgedrückt: Es ist mir sehr peinlich.