Von Peter Anderson, Sächsische Zeitung, 8. Oktober 2012
Ist er schon da? Hast Du ihn irgendwo gesehen? Ein Wispern geht durch die Große Hofstube der Albrechtsburg. Die Köpfe wenden sich nach links und rechts. Ein jeder will den Stargast des Abends entdecken. Vor Monaten bereits fragte ihn Schwerter-Chef Eric Schäffer an. Und Gregor Gysi hat seine Zusage gehalten. Der Vorsitzende der Fraktion Die Linke im Bundestag wird heute Abend nicht nur die Bennator-Saison mit dem obligaten Fassanstich eröffnen. Er wird auch eine seiner bekanntermaßen scharfzüngigen und kritischen Reden halten.
Weil Gysi nur schwer zu entdecken ist, nehmen die rund 200 Gäste mit sich selbst vorlieb. Man schaut sich um und wird angeschaut. In nur drei Jahren hat es der Inhaber der Privatbrauerei Schwerter Meißen Eric Schäffer geschafft, den Bennator-Anstich im Herbst zu einem der größten gesellschaftlichen Ereignisse im Landkreis Meißen zu machen. Manufaktur-Boss Christian Kurtzke ist gekommen. Sparkassen-Vorstand Rolf Schlagloth wird gesichtet. Zufrieden blickt Rechtsanwalt Olaf Seidel aus Dresden in die Runde. Dazu hat er allen Grund. Drei Jahre lang führte er als Insolvenzverwalter die Schwerter Brauerei. Mitte 2009 erlöste Eric Schäffer das Unternehmen aus der Insolvenz. Der Verkauf an den langjährigen Chef des Freiberger Brauhauses erwies sich als gute Wahl und als glücklicher Abschluss für den Hauptgläubiger der Brauerei, die Sparkasse Meißen.
Meißen TV
Die Uhr zeigt kurz vor Sieben. Auf den Tischen in der Großen Hofstube stehen bayerischer Obatzter, herrlich duftendes Speckfett und cremiger Frischkäse. Wer weiß, wie lange der Gysi spricht und wann der Hauptgang serviert werden kann? Die Gäste lassen sich nicht lange bitten, greifen zu und loben. Das Bennator muss noch angestochen werden. Vorerst heißt es mit Schwerter Pils Vorlieb nehmen.
Einen der kürzesten Wege an diesem Abend hat Superintendent Andreas Stempel von seinem Dienstsitz nebenan auf der Freiheit. Der Kirchenmann begleitete schon die Eröffnung des Schwerter-Schankhauses auf dem Markt. Die Aufgaben von Wirt und Pfarrer ähnelten einander in bestimmten Bereichen, sagt Stempel gern. Zu beiden kämen oft Menschen, um ihr Herz zu öffnen und Sorgen loszuwerden. Ein guter Wirt sollten neben einem gepflegten Bier immer einen passenden Ratschlag bereit halten.
Heute Abend teilen weder der Pfarrer noch der Brauer und Wirt Ratschläge aus. Das bleibt Gregor Gysi vorbehalten. Plötzlich ist er da. Behänd erklimmt er das Podest mit Rednerpult. Auf einen Schlag wird es ruhig im Saal. Der kleine Mann zieht alle Blicke auf sich. Nur Albrecht von Sachsen und sein Bruder Ernst bleiben ungerührt. Eines der Wandgemälde der Großen Hofstube zeigt, wie sie vor Kaiser Friedrich III. knien. Die beiden Wettiner tragen es mit Fassung, das ein Vertreter des gemeinen Volkes, ein Sozialist in ihrer Hofstube spricht.
Gysi braucht keinen langen Anlauf. Lampenfieber vor dem Mikrofon kennt er nicht. Die CDU- und FDP-Granden in der ersten Reihe - von Landrat Arndt Steinbach über den Riesaer Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth bis hin zu Sachsens Justizminister Jürgen Martens – werden ihn nicht dazu bringen, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. Das stellt er am Anfang klar.
Die Schuldenkrise soll an diesem Abend sein Thema sein und die Frage, wie sie am gerechtesten zu bewältigen ist. Die Zahlen dazu hat der Linken-Politiker im Kopf. 280 Milliarden Euro betragen die griechischen Staatsschulden. 540 Milliarden Euro umfasst das Gesamtvermögen der reichsten Griechen. Die Schlussfolgerung daraus liegt auf der Hand. Gysi muss sie nicht einmal aussprechen. Bei dieser Argumentation können auch die Liberalen und Christdemokraten an den Tischen im Zentrum der Hofstube zustimmend nicken. Schwieriger wird es für sie, ihr Mienenspiel zu beherrschen, als Gysi gegen den zu großen Spielraum der Banken wettert. Die Sparkasse Meißen meint er allerdings nicht. Ihm geht es um die ganz großen Geldhäuser, die zu mächtig geworden seien. Sie müssten wieder klein gemacht und unter die Knute der Politiker gezwungen werden. Das klingt nach Planwirtschaft und Enteignung. Da hebt sich manche Augenbraue, legt sich manche Stirn in Falten bei der schwarz-gelben Politprominenz.
Wie man es von ihm gewohnt ist, würzt der Linken-Fraktionschef seine Rede mit Anekdötchen. Das wirkt mindestens kokett, wenn es nicht gar nach Eigenlob riecht. Gysi erzählt, wie er als Sozialist dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Volker Kauder die Notwendigkeit einer Vermögenssteuer aus der Bibel hergeleitet habe. Was er unterschlägt ist, dass Kauder sehr treffend zu entgegnen wusste. In der Bibel sei nicht von einer Zwangsabgabe sondern einem freiwilligen Verzicht auf Reichtum die Rede, so der CDU-Mann.
Lange Rede – trockene Kehle. Das verlockende Fass Bennator neben dem Rednerpult bringt den Redner schließlich zum Verstummen. Mit sehr kontrollierten, kurzen Schlägen hämmert Gysi den Hahn ins Fass und freut sich über sein handwerkliches Geschick. Das erste Krüglein trinkt er mit sichtlichem Behagen. Viel länger bleiben kann er nicht. „Ich muss morgen früh nach Moskau fliegen“, sagt er und verschwindet so plötzlich aus dem Saal, wie er kam.
Weil Gysi nur schwer zu entdecken ist, nehmen die rund 200 Gäste mit sich selbst vorlieb. Man schaut sich um und wird angeschaut. In nur drei Jahren hat es der Inhaber der Privatbrauerei Schwerter Meißen Eric Schäffer geschafft, den Bennator-Anstich im Herbst zu einem der größten gesellschaftlichen Ereignisse im Landkreis Meißen zu machen. Manufaktur-Boss Christian Kurtzke ist gekommen. Sparkassen-Vorstand Rolf Schlagloth wird gesichtet. Zufrieden blickt Rechtsanwalt Olaf Seidel aus Dresden in die Runde. Dazu hat er allen Grund. Drei Jahre lang führte er als Insolvenzverwalter die Schwerter Brauerei. Mitte 2009 erlöste Eric Schäffer das Unternehmen aus der Insolvenz. Der Verkauf an den langjährigen Chef des Freiberger Brauhauses erwies sich als gute Wahl und als glücklicher Abschluss für den Hauptgläubiger der Brauerei, die Sparkasse Meißen.
Meißen TV
Die Uhr zeigt kurz vor Sieben. Auf den Tischen in der Großen Hofstube stehen bayerischer Obatzter, herrlich duftendes Speckfett und cremiger Frischkäse. Wer weiß, wie lange der Gysi spricht und wann der Hauptgang serviert werden kann? Die Gäste lassen sich nicht lange bitten, greifen zu und loben. Das Bennator muss noch angestochen werden. Vorerst heißt es mit Schwerter Pils Vorlieb nehmen.
Einen der kürzesten Wege an diesem Abend hat Superintendent Andreas Stempel von seinem Dienstsitz nebenan auf der Freiheit. Der Kirchenmann begleitete schon die Eröffnung des Schwerter-Schankhauses auf dem Markt. Die Aufgaben von Wirt und Pfarrer ähnelten einander in bestimmten Bereichen, sagt Stempel gern. Zu beiden kämen oft Menschen, um ihr Herz zu öffnen und Sorgen loszuwerden. Ein guter Wirt sollten neben einem gepflegten Bier immer einen passenden Ratschlag bereit halten.
Heute Abend teilen weder der Pfarrer noch der Brauer und Wirt Ratschläge aus. Das bleibt Gregor Gysi vorbehalten. Plötzlich ist er da. Behänd erklimmt er das Podest mit Rednerpult. Auf einen Schlag wird es ruhig im Saal. Der kleine Mann zieht alle Blicke auf sich. Nur Albrecht von Sachsen und sein Bruder Ernst bleiben ungerührt. Eines der Wandgemälde der Großen Hofstube zeigt, wie sie vor Kaiser Friedrich III. knien. Die beiden Wettiner tragen es mit Fassung, das ein Vertreter des gemeinen Volkes, ein Sozialist in ihrer Hofstube spricht.
Gysi braucht keinen langen Anlauf. Lampenfieber vor dem Mikrofon kennt er nicht. Die CDU- und FDP-Granden in der ersten Reihe - von Landrat Arndt Steinbach über den Riesaer Landtagsabgeordneten Geert Mackenroth bis hin zu Sachsens Justizminister Jürgen Martens – werden ihn nicht dazu bringen, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten. Das stellt er am Anfang klar.
Die Schuldenkrise soll an diesem Abend sein Thema sein und die Frage, wie sie am gerechtesten zu bewältigen ist. Die Zahlen dazu hat der Linken-Politiker im Kopf. 280 Milliarden Euro betragen die griechischen Staatsschulden. 540 Milliarden Euro umfasst das Gesamtvermögen der reichsten Griechen. Die Schlussfolgerung daraus liegt auf der Hand. Gysi muss sie nicht einmal aussprechen. Bei dieser Argumentation können auch die Liberalen und Christdemokraten an den Tischen im Zentrum der Hofstube zustimmend nicken. Schwieriger wird es für sie, ihr Mienenspiel zu beherrschen, als Gysi gegen den zu großen Spielraum der Banken wettert. Die Sparkasse Meißen meint er allerdings nicht. Ihm geht es um die ganz großen Geldhäuser, die zu mächtig geworden seien. Sie müssten wieder klein gemacht und unter die Knute der Politiker gezwungen werden. Das klingt nach Planwirtschaft und Enteignung. Da hebt sich manche Augenbraue, legt sich manche Stirn in Falten bei der schwarz-gelben Politprominenz.
Wie man es von ihm gewohnt ist, würzt der Linken-Fraktionschef seine Rede mit Anekdötchen. Das wirkt mindestens kokett, wenn es nicht gar nach Eigenlob riecht. Gysi erzählt, wie er als Sozialist dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag Volker Kauder die Notwendigkeit einer Vermögenssteuer aus der Bibel hergeleitet habe. Was er unterschlägt ist, dass Kauder sehr treffend zu entgegnen wusste. In der Bibel sei nicht von einer Zwangsabgabe sondern einem freiwilligen Verzicht auf Reichtum die Rede, so der CDU-Mann.
Lange Rede – trockene Kehle. Das verlockende Fass Bennator neben dem Rednerpult bringt den Redner schließlich zum Verstummen. Mit sehr kontrollierten, kurzen Schlägen hämmert Gysi den Hahn ins Fass und freut sich über sein handwerkliches Geschick. Das erste Krüglein trinkt er mit sichtlichem Behagen. Viel länger bleiben kann er nicht. „Ich muss morgen früh nach Moskau fliegen“, sagt er und verschwindet so plötzlich aus dem Saal, wie er kam.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Kommentare sind das Salz in unserer Suppe.