Orientierung

Sonntag, 31. Januar 2010

Schlaflos bei 5000 ...

Wie eine Kreistagsfraktion Leser gewinnt

von Reinhard Heinrich
Es geschah im Internet, Ende Januar 2010, in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag, muss es gewesen sein. Ein schlafloser Surfer - Journalist vielleicht oder neidischer Politiker von der Konkurrenz - wer kann das wissen - besuchte die "Fraktion DIE LINKE im Kreistag Meißen", um sich zu informieren, was diese der Öffentlichkeit aktuell mitzuteilen hat. Der Zähler schaltete geräuschlos um und zeigte die Zahl 5000, unauffällig aber eindrucksvoll.

Seit der Einführung dieses Mediums durch engagierte linke "Öffentlichkeitsarbeiter" am 10. Juni 2008, zwei Tage nach der Kreistagswahl, erschienen 193 Beiträge zum aktuellen politischen Geschehen im Kreis - von links betrachtet. Nicht jeder Text wurde 5000 mal gelesen. Aber 5000 mal wurde Interesse bekundet, freundlich, vielleicht auch kritisch. DIE LINKE im Kreistag spricht öffentlich ihr Wort, bei dem man sie nehmen kann. Rechenschaft gegenüber Wählern ist gute Tradition. Hier sieht man, wie das aussehen kann. Und es könnte noch besser sein.

193 Beiträge, nach Themen überschaubar gegliedert und kinderleicht abrufbar - zurück bis zwei Tage nach der Wahl. Eine Chronik der Kommunalpolitik, eine "Brigadetagebuch" der Fraktion. Von "Kleinigkeiten" wie Geburtstagsgrüßen oder auch Abschiedsworten für verdiente Abgeordnete über "mittelschwere" Statements wie zu den Elblandkliniken, Bildung oder Verkehr bis hin zu "fundamentalen" Stellungnahmen bezüglich innerparteilicher Entwicklungen - DIE LINKE hat Positionen bezogen, an denen man sie vom zweiten Tag an ihres Daseins im Kreistag rückblickend messen wird. Spätestens wenn wieder Wahlen bevorstehen. Eine Fundgrube für Rechenschaftsberichte. Und man sieht, wer wann worüber geschrieben hat - wie unsere Abgeordneten ihre verantwortungsvolle Arbeit der Öffentlichkeit vermittelt haben.

Und eben auch das WER wird sichtbar. Wir sehen Abgeordnete, die sich sachkundig und politisch klar äußern - und bei der Veröffentlichung noch Hilfestellung erhalten. Gut so! Wir sehen auch Abgeordnete, die auf dieser Plattform selbst veröffentlichen. Noch besser! Und wir sehen - eine Lücke. Die Fraktion hat 17 Mitglieder - und einen Geschäftsführer, der Computerfachmann sein soll. Wenn ich richtig gezählt habe, dann haben 8 von 17 Abgeordneten mit 193 Beiträgen 5000 mal die Öffentlichkeit erreicht. Was würden 17 von 17 erreichen? Mit Beiträgen aus ihren Sachgebieten und Ausschüssen? Sparen wir uns diese Rechnung.

Rechnen wir etwas anderes: Vor der Reform 2008 waren sächsische Kreise je ein Zweiundzwanzigstel von Sachsen. Jetzt sind wir vereint ein Zehntel! Die Politik der Kreise hat mehr Gewicht. Auf dieser Ebene das Vertrauen der Bürger zu erreichen - in Zeiten aussterbender Zeitungsabonnements - kann Wahlen entscheiden. Das Vertrauen "unserer Menschen" in der DDR war verloren gegangen - auch durch Intransparenz.

Die 5000 mal "angekommenen" Nachrichten der Linksfraktion haben nicht die breite Masse erreicht, zumindest nicht direkt. Aber wer sich (außerhalb von Schlaflosigkeit) die Mühe macht, im Internet ausgerechnet dort nachzulesen, wo die Linksfraktion des Kreises sich mitteilt, der macht sich vielleicht auch die Mühe, das dort gefundene weiter zu geben - als aktiver Mensch mit einem sozialen Umfeld, idealerweise als Journalist einer Zeitung von Berufes wegen.

Weblog (worldwide "web" = WWW plus "Log"buch) oder abgekürzt Blog nennt man dieses Journal im Internet, zu dessen Verbreitung man weder Papier noch Verlage und schon gar keine Zeitungsboten braucht. Man muss es nur führen. Vielleicht sollte man sich an jenen ein Beispiel nehmen, von denen Marx und Engels im "Manifest" schrieben: "Die Kommunisten verschmähen es, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen." Ungefähr fünf Zeilen über dem Schlusssatz "Proletarier aller Länder ..." steht das. Leider haben später gewisse Politbüros es dann eben doch nicht "verschmäht", ihre Ansichten und Erkenntnisse "zu verheimlichen". Wir sahen, wohin das führt. "Glasnost" war manchen Bürgern fast noch mehr wert als Südfrüchte. Das Sputnikverbot bestätigte es. Seit 20 Jahren geht es ums Vertrauen. In eineinhalb Jahren haben 193 Beiträge darum geworben - und haben 5000 mal jemanden erreicht. Das ist viel. Und doch zu wenig.

http://kreis-meissen-von-links.blogspot.com ist eine gute Adresse für unzählige mal 5000 Leser. Und für 17 publizierende Volksvertreter, die etwas mitzuteilen haben, weil sie für die Öffentlichkeit etwas tun. Die Wähler haben in voraussichtlich zweieinhalb Jahren wieder die Freiheit "mit Sachkenntnis entscheiden zu können“ (Engels, Anti-Dühring XX: 106). Publikationen heben die Sachkenntnis. "Moderner" formuliert: Lesen gefährdet die Dummheit.
Der Linksfraktion im Kreistag ist nichts besseres zu wünschen, als viele Leser. Und sichtbares Tätigsein soll sogar ansteckend wirken. Will man mehr?

Schlaflos sollten nun die Abgeordneten liegen, die ihren Lesern (und Wählern) noch etwas schuldig sind. Doch alle sollten träumen - von guter Öffentlichkeitsarbeit.

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