Orientierung

Freitag, 8. Mai 2026

Die Einsicht: Über Schematismus

Dialogische Mitteilungen aus Wittenberg Nr. 28 vom 08.05.2026

Dr. iur. Wilhem Rettler

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Gespräch mit Herrn Dr. sc. phil. Franz Brauder, Dresden:

rotmail sonneberg ist die email-Zeitung der DKP Sonneberg. Sie erscheint in unregelmäßigen Abständen mit einem Umfang von ca. 15 Seiten und kann bei rotinfo-sonneberg@t-online.de bestellt werden. In der Mai-Ausgabe findet sich ein Artikel von Reiner Kotulla, der sich mit dem Thema Schematismus beschäftigt. Der Autor sieht darin eine Ursache für den Untergang des sozialistischen Weltsystems. Die Einsicht sprach darüber mit Herrn Brauder. 1

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Skizze mit Hilfe von Copilot

DieEinsicht: Herr Brauder, was ist Schematismus?

HerrBrauder: Das Suchwort Schematismus steht weder im Kleinen Politischen Wörterbuch derDDR, noch im Philosophischen Wörterbuch. Ich stütze mich mangels auf die Beschreibung von Herrn Kotulla stützen.

DieEinsicht: Und was besagt diese?

HerrBraudere: Der Begriff (?) „Schematismus“ nehme im marxistisch-leninistischen Denken eine kritische Rolle ein. Er bezeichne eine fehlerhafte Herangehensweise an Theorie und Praxis, bei der allgemeine Lehrsätze mechanisch und ohne Berücksichtigung konkreter historischer Bedingungen angewendet werden. Unter Schematismus verstehe man die starre, formelhafte Anwendung theoretischer Konzepte.Schematismus im marxistisch-leninistischen Sinne stehe im Gegensatz zur dialektischen Methode und werde als Hemmnis für eine realitätsnahe politische Praxis kritisiert.

DieEinsicht: Wie stehen Sie zum Schematismus in dem von Herrn Kotulla beschriebenen Sinne?

HerrBrauder: Der so beschriebene Schematismus ist in der Tat u.a. eine Ursache für den Untergang des Sozialismus gewesen. Der Kern des Problems liegt aber tiefer.

DieEinsicht: Wo denn?

HerrBrauder: Jetzt kriege ich bestimmt Ärger: In der Ideologie.

DieEinsicht: In welcher Ideologie?

HerrBrauder: In Ideologie im Allgemeinen. Friedrich Engels sagte, dass Ideologie ein Prozess ist, der zwar mit Bewusstsein vom sogenannten Denker vollzogen werde aber mit einem falschen Bewusstsein (MEW 39, 97). Somit ist Ideologie falsches Bewusstsein, egal welche Ideologie, also per se nicht gut.

DieEinsicht: Wie meinte Engels das denn?

HerrBrauder: An anderer Stelle sagte er, „erst macht man sich aus dem Gegenstand den Begriff des Gegenstandes; dann dreht man den Spieß um und misst den Gegenstand an seinem Abbild, dem Begriff. Nicht der Begriff soll sich nun nach dem Gegenstand, der Gegenstand soll sich nach dem Begriff richten“ (MEW 20, 89). Mit Gegenstand ist dieWirklichkeit gemeint. Der Begriff soll sie abbilden. Wenn man das Verhältnis umdreht, dann soll sich auf einmal die Wirklichkeit nach dem Begriff richten. Das muss in der Ideologie, wie beim Schematismus in die Irre führen, weil der Begriff nicht mit der Wirklichkeit nicht vollkommen identisch sein kann, wie die Erde nicht rund ist. Dem Ideologen ist Kriterium der Wahrheit nicht die Übereinstimmung seiner Aussagen mit der Wirklichkeit, sondern mit seiner Ideologie.

DieEinsicht: Welche Schlussfolgerungen ergeben sich daraus für den Marxismus-Leninismus?

HerrBrauder: Das Problem besteht darin, dass er sich selbst als Ideologie der Arbeiterklasse versteht. Schematismus ist ihm daher immanent.

DieEinsicht: Hatten die Klassiker immer Recht?

HerrBrauder: Von manchen Marxisten-Leninisten habe ich dies schon gehört, ich halte das aber für unzutreffend.

DieEinsicht: Herr Brauder, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Verantwortlich: Dr. Wilhelm Rettler, Bachstraße 22, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Druck: Eigendruck. Änderungen verboten. Zuschriften und Bestellungen an whrettler@web.de. Kosten entstehen nicht.


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