Orientierung

Samstag, 9. Mai 2026

Die Einsicht: Über Schematismus II

Dialogische Mitteilungen aus Wittenberg Nr. 29 vom 10.5.2026

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Gespräch mit Herrn Dr. sc. phil. Franz Brauder, Dresden1

In der Einsicht vom 8.5.2026 hat Herr Brauder seinen Ausführungen über Ideologie vorausgeschickt, dass er damit wohl Ärger bekommen würde. Wir sprachen darüber mit Herrn Brauder.1

Dr. iur. Wilhelm Rettler

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Skiizze mit Hilfe von Copilot

DieEinsicht: Herr Brauder, hat sich Ihre Befürchtung, wegen der letzten Einsicht Ärger zu bekommen, bewahrheitet?

Herr Brauder: Nein, ich hatte ein längeres Telefonat mit einem Genossen, dem ich den Ideologiebegriff von Engels erklärt habe, und eine wohlwollende Zuschrift.

DieEinsicht: Was schrieb der Leser?

HerrBrauder: Er zitierte Luise von Göchhausen, die über Goethe gesagt hatte:

„Er glaubt, seine Stimmung richtet sich nach dem Wetter. Die Wahrheit ist natürlich, dass sich das Wetter nach seiner Stimmung richtet.“

Der Leser kommentierte dies mit den Worten:

„Soviel zu Wirklichkeit und Wahrnehmung...“

DieEinsicht: Am 8.5.2026 haben Sie gesagt, dass sich der Marxismus-Leninismus als Ideologie versteht. Können Sie dies näher erläutern.

HerrBrauder: Ideologien sind Gedankengebilde. Sie sind Menschenwerk und können selbernicht denken und sich nicht als irgendetwas verstehen. Insofern war meine Formulierung ungenau. Präziser ist, dass die Marxisten-Leninisten den Marxismus-Leninismus als Ideologie verstehen.

DieEinsicht: Was ist Marximus-Leninismus überhaupt?

HerrBrauder: Eine sehr gute Frage. Der Ausdruck i t nach dem Tod von Lenin geprägt worden. Lenin gliederte den Marxismus in drei Bestandteile, die Philosophie, die politische Ökonomie und die Lehre vom Klassenkampf. Das sind die Bestandteile des Marxismus-Leninismus, wobei aus letzterem der „wissenschaftliche Kommunismus“ entstand.

DieEinsicht: Was kritisieren Sie am Marxismus-Leninismus?

HerrBrauder: Sofern jemand mit den einschlägigen Schriften der Klassiker und den Themengebieten Philosophie, politische Ökonomie und wissenschaftlicher Sozialismusbefasst, dann ist das gut. Natürlich muss man alles kritisch lesen. Eine bessere Gedankenschulung als das Kapital gibt es kaum. Weniger gut finde ich, die einschlägigen DDR-Lehrbücher auswendig zu lernen. Den Marxismus-Leninismus als Ideologie, quasi als ein in Stein gemeißeltes riesiges Gedankengebäude aus Glaubenssätzen zu begreifen, aus dem man Antworten auf alle Fragen der Wirklichkeit ableiten kann, führt natürlich in die Irre. Die Wirklichkeit hat dies leider bewiesen. Zu glauben, dass jede Erkenntnis marxistisch-leninistisch sein muss, um wahr zu sein, ist falsch. Als junger Mensch glaubte ich mal, es müsse eine marxistisch-leninistische Physik geben. Das war Quatsch. Als der Untergang schon vorprogrammiert war, sagte Erich Honecker, worauf mich ein Leser hinwies:

„Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.“

Warum haben die zahlreichen Professoren für Marxismus-Leninismus an den einschlägigen Instituten in den sozialistischen Ländern nicht gemerkt, dass die Konterrevolution im Anmarsch war?Aus ideologischer Verblendung oder haben sie vielleicht auch aus Angst geschwiegen, die Wahrheit auszusprechen? Der Marxismus-Leninismus hatte sich zu einerLegitimations“wissenschaft“ enwickelt.

DieEinsicht: Warum setzen Sie Wissenschaft in Anführungsstriche?

HerrBrauder: Wissenschaftler versuchen, die Wahrheit herauszufinden, davon hatten sich dieMarxisten-Leninisten in ihrem Legitimationsdrang entfernt. Sie sahen die Aufgabe, die Wirklichkeit schönzureden.

DieEinsicht: Herr Brauder, wir danken Ihnen für das Gespräch.


Verantwortlich: Dr. Wilhelm Rettler, Bachstraße 22, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Druck: Eigendruck. Änderungen verboten. Zuschriften und Bestellungen an whrettler@web.de.Kosten entstehen nicht.


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