Heute im Buchladen und im Briefkasten
Über das Buch wurde bereits debattiert und geschnoddert, bevor es überhaupt vorlag. Um so mehr bin ich gespannt, denn ich erwarte es für heute im Briefkasten. Kritik an der Partei (Unterstellung) oder Kritik aus der Partei an den bestehenden Verhältnissen (Erwartung).Wir werden sehen, sprach der Blinde, und führte den Lahmen an der Grube entlang.
Das Vorwort beginnt so:
"Während dieses Buch geschrieben wurde, eskalierten in den Vereinigten Staaten die Auseinandersetzungen. Trump-Anhänger standen Trump-Gegnern unversöhnlich gegenüber. Es gab seit Langem keinen demokratischen Regierungswechsel mehr, der von so viel Unsicherheit, Hass und Gewalt begleitet wurde. Am Tag der Amtseinführung des neuen US-Präsidenten glich das Capitol in Washington einer Festung im Kriegszustand. Auch wenn die Trennlinien in den USA besonders tief und die sozialen Gegensätze besonders groß sind, auch wenn das aufgeheizte Klima dort besonders gefährlich ist, weil viele US-Bürger Waffen besitzen: Amerika ist kein Einzelfall. Es ist leider nicht unwahrscheinlich, dass die Bilder aus den Vereinigten Staaten uns wie durch ein Brennglas in unsere eigene Zukunft schauen lassen, – wenn wir nicht den Mut aufbringen, möglichst bald einen neuen Weg einzuschlagen. Denn auch Deutschland ist tief gespalten. Auch hier zerfällt der gesellschaftliche Zusammenhalt. Auch in unserem Land ist aus dem gesellschaftlichen Miteinander ein über weite Strecken feindseliges Gegeneinander geworden. Gemeinwohl und Gemeinsinn sind Worte, die aus der Alltagssprache nahezu verschwunden sind. Das, was sie bezeichnen, scheint nicht mehr in unsere Welt zu passen."
Und das Buch endet auf Seite 334 so:
"Persönliche Lebensstile sind Privatsache und sollten nicht länger politisiert werden. Sie hängen meist von Lebensumfeld, Ausbildung und Beruf und natürlich auch von den finanziellen Möglichkeiten ab. Zu allen Zeiten haben Akademiker anders gelebt als die meisten Nichtakademiker. Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen legen in der Regel größeren Wert auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung als auf traditionelle Gemeinschaften, sie sind eher mobil als sesshaft, sie kennen unterschiedliche Kulturen und definieren sich daher in geringerem Grad über die eigene nationale. Schon in der Weimarer Republik lagen Welten zwischen dem urbanen Leben und den Wertvorstellungen linker Intellektueller und der Kultur und Lebensart der Arbeiterschaft. Aber die linken Intellektuellen jener Zeit wären nicht im Traum auf die Idee gekommen, ihre Unterstützung linker Parteien davon abhängig zu machen, dass diese Parteien ihre kulturellen Wertmaßstäbe übernehmen. Wenn auch die linksliberalen Akademiker unserer Zeit einsehen würden, dass sie kein Recht haben, ihren Lebensentwurf zum Maßstab progressiven Lebens zu machen und auf alle herabzuschauen, die anderen Werten folgen und eine andere Sicht auf die Welt haben, wäre viel gewonnen."
Mal sehen, was dazwischen liegt, sagte der Lahme zum Blinden.

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