Orientierung

Samstag, 18. August 2018

Leseempfehlung

Richard David Precht: Jäger. Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft

Was kann man bei dieser Hitze Besseres machen? Arbeiten geht nicht, nicht einmal im Garten.Schlafen geht nicht. Also, baden. Oder lesen.

In diesem Sommer habe ich schon viel geschwartet. Heute bin ich fertig geworden mit "Jäger, Hirten, Kritiker". Das ist auch nicht gerade ein Buch für diese Hitze .- 34°C. Aber dass ich es in kurzer Zeit geschafft habe, spricht für Precht (z.B. Wer bin ich, und wenn ja, wieviele?)

Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Klingt ein wenig nach dem berühmten Schulaufsatz "Ein Tag meines Lebens im Jahr ...". Precht begibt sich für uns in das Jahr 2040 und versucht zu explizieren, was bis dahin aus unserem lieben und gehassten Kapitalismus durch die vierte industrielle Revolution und im digitalen Zeitalter geworden ist.

Die Digitalisierung ändert alles: die Arbeit, die Kommunikation, das Lernen, die Mobilität, die Politik - und natürlich die Menschen selbst. Precht ist Philosoph. Er darf das. Aber seine Fabulationen sind mehr Fragen. Steuern wir in eine "Wohlfühldiktatur" oder ins Chaos? Drei große Krisen sind in Sicht: Konsumkrise, Human(Konsumenten)krise und Umweltkrise. Wie kommen wir da raus?

Der Kapitalismus ist, laut Marx, auf unendliches Wachstum ausgerichtet. Precht meint: "Sollte das stimmen, so wird er wohl noch in diesem Jahrhundert die Erde weitgehend unbewohnbar machen." Und dieser Hyperkonsumismus erzeugt dabei auch viele sozial-psychologische Probleme "... als riesige Migrationsbewegungen, als blindwütiger völkischer Nationalismus, als Separatismus, als Protektionismus, als Empörungs- und Hasskultur im Internet, als Parteienverdrossenheit, in Ablenkungskriegen..." (S. 249)

Aber Precht verfällt nicht in stumpfen Pessimismus, baut keine neue Bedrohungslegende auf. Wo deuten sich Lösungen an? Marx beschrieb im dritten Band seines "Kapital", dass die Profitrate der kapitalistischen Wirtschaft ständig weiter fällt, je effizienter sie produziert. Aber darauf "...sind die Kapitalisten schon immer sehr kreativ vorgegangen, durch globalisierte Märkte, Kriege und die unerschrockene Vermehrung von realem Geld und fiktivem Kapital". (S. 252) Also ist sein schnelles und radikales Ende kaum abzusehen. Und deshalb wird der realistische Weg auch nicht die Abschaffung des Kapitalismus sein, meint er. "Wir werden wieder mehr Sozialismus in den Kapitalismus implementieren müssen... Ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen ist dazu ein erster Schritt..." (S. 253)

Oijoijoi! Das erzeugt sicher viel Widerspruch. Und deshalb höre ich erst einmal auf. Lest selber. Und lasst uns anschließend diskutieren.

G. Dietmar Rode
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